Kann man im Gymnasium richtige Entscheidungen treffen?

Die Gymnasiumszeit geht von ungefähr dem zehnten Lebensjahr bis zum achtzehnten Altersjahr. Die wohl bewegendsten Jahre eines jeden Menschen. Die schwierigsten, aufregendsten Jahre, die grössten Umbrüche, körperlich und psychologisch. Gleichzeitig ist es die Zeit, in der man die Weichen für die Zukunft stellt. Man entscheidet, wie man gedenkt, sein Leben zuzubringen. Doch liegen zwischen dem achtzehnten Lebensjahr und der Rente ungefähr fünfzig Jahre.

Im Gymnasium ist die Welt aufregend, jeden Tag neuen Lernstoff entdecken, viel Pauken müssen, daneben spielen die Hormone verrückt, man löst sich von den Eltern ab und macht erste sexuelle Erfahrungen. Diese Zeit ist stürmisch, viele Leute experimentieren mit verschiedenen Kleidungsstilen, mit Musikrichtungen, auch Alkohol und andere Substanzen werden ausprobiert. Neben all diesen Herausforderungen muss eine Leidenschaft gefunden werden, die stark genug ist, ein Studium oder eine Ausbildung durchzustehen. Ist das aber überhaupt möglich? Kann man eine solche Entscheidung treffen, ohne sie irgendwann zu bereuen, ohne irgendwann eine andere Idee zu haben, die besser gefällt? Muss man heutzutage einen Beruf auswählen und dann mit diesem Beruf alt werden?

Gerade für Gymnasiasten passt das Sprichwort, dass die Welt den Abgängern zu Füssen liegt. Egal, ob man in China studieren, in Amerika Au-Pair sein oder in Neuseeland einem Winzer helfen möchte, all das ist heutzutage mehr oder weniger problemlos möglich. Aber diese Vielfalt ist es, welche die jungen Menschen in Bedrängnis bringt und die Auswahl schwermacht. Kaum eine Generation hatte jemals so viele Möglichkeiten wie die Leute, die in den letzten zwanzig Jahren jung waren.

Ich selbst habe mich nach der Matur in der Schweiz dazu entschlossen, Jura zu studieren. Ich war Feuer und Flamme für Gesetze, Verordnungen und was es sonst noch gibt – dafür, was eine Gesellschaft zusammenhält.

Nach einigen Semestern, die ich mit grösster Mühe hinter mich gebracht habe, stellte ich fest, dass dies nicht das richtige für mich ist. Die Entscheidung, welche im Gymnasium traf, war also falsch.

Kann man deswegen davon ausgehen, dass man keine richtigen Entscheidungen treffen kann, wenn man mit achtzehn die Weichen für die Zukunft stellt?

Die Zeit, in der man die zweite Dekade seines Lebens anfängt, sollte dazu da sein, zu experimentieren. Man soll denken, dass man die richtige Entscheidung trifft und sein ganzes Herzblut in das stecken, was man anfängt. Scheitert es, soll man wieder aufstehen und weitergehen. Ist es das Richtige? Wunderbar, dann gehört man zu einer Minderheit, welche auf den ersten Anlauf die Berufung gefunden haben.

Sehr viele meiner Klassenkameraden haben ihre Erfüllung gefunden, kannten sich also damals bereits gut genug, um zu wissen, was sie möchten. Und jene, welche das Studium abgebrochen haben? Nun, für mich selbst kann ich sagen, dass ich extrem froh bin, um jene Jahre, die ich «verloren» habe. Kaum eine Periode hat mir so viel Selbstvertrauen gegeben, wie jene Zeit. In Kürze werde ich, zehn Jahre später erneut ein Studium aufnehmen. Dieses Mal hoffentlich erfolgreicher. Davon bin ich aber überzeugt, denn ich weiss ja, wie ich es nicht machen sollte. Ich habe rückblickend gelernt, worauf es ankommt, wie ich den Stoff bewältigen muss und welche Ziele ich verfolgen soll.